Presseberichte

ISCH FÜDDER BLOß DIE KATZ
Die neugierige Nachbarin: Petra Mott glänzt am Rhein-Neckar-Theater

26. Oktober 2020/Autor: Stefan Otto

Eine verwaiste Wohnung, die jedoch nie lange leer steht, bildet den Schauplatz der neuen Inszenierung am Mannheimer Rhein-Neckar-Theater. Petra Mott ist die Einzige, die ihn betritt- Und sie meistert in der nun uraufgeführten Mundartkomödie „Isch füdder bloß die Katz“ eine große One-Woman-Show.

Nur ein paar Sekunden steht die modern eingerichtete Wohnung wirklich leer. Nur ein paar Sekunden herrscht Stille, bis die Tür auf- und das Licht angeht und Monika Reimann eintritt. „Net erschrecke, isch füdder bloß die Katz!“, erklärt die hilfsbereite Nachbarin, die es übernommen hat, das Haustier zu versorgen, die Zimmerpflanzen zu wässern, den Briefkasten zu leeren und darauf zu achten, dass im Kühlschrank nichts zu gammeln anfängt. Sie selbst wohnt im Mehrparteienhaus ein Stockwerk darüber, mit ihrem Mann Traugott Balduin, an den sie sich auch nach 23 Ehejahren noch nicht restlos gewöhnen konnte: „Ich zuck heit noch zusamme, wann ich sein Vorname her!“ Für ein Problem, das er ihr nächtens bereitet, sieht sie sich nunmehr jedoch gewappnet. „Mein Mann schnarcht. Aber jetzt hab ich jo ä neui Wohnung“, freut sie sich, als sie im Pyjama eintrifft und sich alsbald auf dem Sofa rekelt.

Einfach gemütlicher
Eigentlich gehört die Wohnung Anastasia „Ana“ Rehberger, die mit Reimanns Tochter Nadine in Urlaub gefahren ist. Monika soll währenddessen nur ab und zu nach dem Rechten sehen und das Notwendigste erledigen. Doch sie findet immer wieder neuen Anlass, Anas Wohnräume zu inspizieren und sich dort weitaus länger aufzuhalten als nötig. Einmal ist es ein Stromausfall in den eigenen vier Wänden, der sie dazu veranlasst, es sich dann eben hier gemütlich zu machen. Ein anderes Mal ist es dann schon Anas Badewanne, die Monika unbedingt mal ausprobieren möchte, weil sie selbst keine hat.
In einem Moment der Einsicht gibt sie es offen zu: Sie braucht die Abwechslung, Neuerungen, die Flucht vor der Einsamkeit und dem Einerlei an Traugotts Seite oder „endlich ä bissel Uffregung im Kopp“, wie sie selbst sagt. So findet sie „do ghert a mol wieder abgestaabt“, probiert den Inhalt des nachbarlichen Badezimmerschränkchens durch und das eine oder andere Stück aus Anas Kleiderschrank an. Sie schmachtet Anas brasilianischen Lover Ricardo an, der von einem Foto an der Wand lächelt, und bringt es sogar fertig, zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen, zu dem eigentlich Ana eingeladen war. Gollum, der Kater, von dem im Titel die Rede ist, hält sich hinter der Couch versteckt und ist kaum zu sehen, dafür umso deutlicher zu hören, sobald Monika ein ums andere Mal über ihn stolpert wie Butler James über das Tigerfell in „Dinner for One“.

Auf Petra Mott zugeschnitten
Intendant Markus Beisel hat „Isch füdder bloß die Katz“ selbst geschrieben und den 40 Textseiten umfassenden Monolog zusammen mit Regisseurin Felicitas Hadzik auf Petra Mott zugeschnitten. Wer die 51-Jährige hier erlebt, gewinnt den Eindruck, sie kann einfach alles spielen. Das Stück legt die ganze Bandbreite ihres Könnens offen und lässt darüber hinaus noch erahnen: In ihr steckt sogar noch mehr.

Die Tochter von Ludwigshafens Hemshofschachtel-Prinzipalin Malou Mott zeigt über zwei Stunden hinweg größte Präsenz und verausgabt sich mit ausgeprägter Mimik und raumgreifender Gestik auch körperlich auf der Bühne. Für ihren schauspielerischen und sportlichen Kraftakt feiert sie das Premierenpublikum am Ende. 

Quelle:© Die Rheinpfalz, Montag, 26.10.2020


Tiefgründige Gaudi

28. Juni 2021/Autorin: Klaudia Toussaint

Ein Parasit lebt laut Biologie auf Kosten eines Wirtstieres. Und das ist auch der Kern einer Mundartkomödie mit Tiefgang, die am Wochenende im Open-Air-Festival des Theaters Alte Werkstatt (TAW) Frankenthal eine schräge Karriere aufzeigte – von der netten Nachbarin zur Spionin und schließlich zur Schmarotzerin. Entfernt erinnert Markus Beisels Bühnenstück „Isch füdder bloß die Katz“ an den erfolgreichen Politthriller „Das Leben der Anderen“, in dem ein Hauptmann der DDR-Staatssicherheit einen Schriftsteller ausspioniert und dessen Leben immer intensiver miterlebt. Diese Idee adaptiert Beisel in eine Situation, die vor Komik nur so strotzt: Es geht um Nachbarschaftshilfe, die im makabren Identitätswechsel ausartet – ein gekonnter Balanceakt zwischen Boulevardtheater und Sozialstudie. Das Publikum im am Samstag ausverkauften Großkarlbacher Sommerdomizil des TAW honorierte das Gaststück des Theaters Rhein-Neckar und seine Solodarstellerin Petra Mott mit stehenden Ovationen.
Eigentlich würde der Plot für eine blütenreine Komödie völlig ausreichen. Denn die Geschichte um die gute Seele eines Mehrfamilienhauses, die zunächst völlig uneigennützig die Wohnung der verreisten Nachbarin hütet, birgt jede Menge humoristischen
Sprengstoff. Witzig ist es, wie Monika Reimann (Mott) immer ungenierter in allen Winkeln von Anastasia Rehbergers Zimmern herumstöbert. Aus Neugier wird Neid. Schließlich lebt die 50-jährige Reimann das Leben der wesentlich jüngeren Influencerin von nebenan und flüchtet aus ihrem tristen Dasein als gelangweilte Ehe- und Hausfrau. Am Ende platzt die Blase der Illusion. Zurück bleibt
eine reife Frau, die wieder geläutert im heimischen Hafen der Ehe ankert.
Zumindest vorübergehend – denn die nächste Nachbarin macht sich reisefertig
und sucht nach einer Hüterin ihrer Wohnung.
Rehbergers Kater Gollum ist ein unsichtbarer Mitspieler. Dessen eingespieltes löwenhaftes Knurren sowie die Tatsache, dass Reimann in der Manier des Slapstick permanent über den Kater stolpert, sorgt für Szenenapplaus. Jedoch ist die Resonanz anfangs verhalten. Denn nach acht Monaten ohne Bühnenauftritt muss sich Mott erst wieder warmspielen. Auch die Aussetzer im Funkmikrofon erschweren, dass die Zuschauer in den Sog der Geschichte gezogenwerden. Zu Höchstform läuft die Solodarstellerin erst nach der Pause auf.Dann aber richtig. Motts Talent zur Pantomime kommt nun voll zur Geltung. Mit einem sicheren Gespür für das richtige Timing und wohldosiert imitiert die Comedienne den Mörder in einem Horrorfilm ebenso überzeugend und komisch wie die verzweifelt schweißtreibenden Versuche Reimanns, ihren Ehegatten Traugott vom Schnarchen abzubringen. Traugott zählt zu den Relikten von Reimanns Leben, die zusehends verblassen. Dafür erscheint alles, was die süße Anastasia umgibt, in rosigem Licht: Ihre Wohnung ist größer, die Chrom gebürsteten Armaturen der sanitären Anlagen sind hochwertiger. Blut leckt die neidische Nachbarin, als sie den knackigen Brasilianer Ricardo erblickt, der auf einemFotomit Anastasia posiert. Deren Gesicht überklebt Reimann mit dem eigenen Konterfei und startet mit dem Latin Lover eine wilde Telefonbeziehung. Dabei zieht sie sich den fremden heißen Fummel in den Konfektionsgrößen von Teenagern an. Auch das Onlineshopping der verreisten Nachbarin ist alsbald fest in Reimanns Händen.
Dass dies nicht lange gut gehen kann, ist klar. Der Kipppunkt ist eine Bewerbung Reimanns in Anastasias Namen. Deren Agentur gibt der um ein paar Jahrzehnte zu alten Bewerberin einen Korb. Die Absage wird mit mangelndem Wachstumspotenzial begründet, Reimann sei bereits „fertig entwickelt“. Nun steht sie vor einem Scherbenhaufen. Das geklaute Leben bricht zusammen.
Ein Hauch Sozialkritik schwingt dabei mit. Denn die Protagonistin hat sich in eine digitale Welt gewagt, in der der Kult der Jugend betrieben wird – ihr Scheitern war vorprogrammiert. Versöhnlich stimmt das Ende: Reimann entdeckt die Vorzüge ihres alten Lebens wieder. Und erhält von Anastasia Absolution, die sagt: „Eine
Prüfung kann man wiederholen. Warum nicht ein ganzes Leben?“ Eingespielt in das Einpersonen-
Stück sind Zeugenberichte der kompletten Hausgemeinschaft sowie verschiedener Psychotherapeuten, die über „Patientin MR 108“ referieren. Hinter der anonymen Nummer steht Reimann als psychisch Kranke. Und sie steht wegen Identitätsdiebstahls vor Gericht. Dieser Schachzug macht deutlich, dass der Autor unter der oberflächlichen Gaudi tiefgründigere Absichten hegt und einiges anzukreiden hat im Land. Er und Mott ernten einen verdienten Beifall für zwei Stunden große Bühnenkunst und eine absurde Story, die doch nicht so weit hergeholt ist,wie man vermuten würde.

Quelle:© Die Rheinpfalz, Montag, 28.06.2021

Information zum Stück: → Details

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